Start-Up-Länder: Sind die Ozeane die nächsten Grenzen?

Künstlerische Impression eines Gebäudes in einer schwimmenden Stadt

Obwohl es wahrscheinlicher ist, dass Sie von SpaceX gehört haben als von Seasteading, sollte das vielleicht nicht der Fall sein. Der englische Begriff Seasteading geht auf das Jahr 1981 zurück, als Ken Neumeyer ihn in seinem Buch „Sailing the Farm“ verwendete. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, bezieht es sich auf die Idee, eine Stadt oder eine Art Kleinsiedlung auf dem Meer zu bauen.

Zwei Jahrzehnte später wurde Milton Friedmans Enkel, Patri Friedman, so fasziniert von der Idee, dass er seinen Job bei Google aufgab, um das Seasteading-Institut mitzugründen. Sein Partner und Anbieter des Startkapitals war kein Geringerer als PayPal-Gründer Peter Thiel, der 2009 einen Aufsatz schrieb, in dem er feststellte, dass „zwischen Cyberspace und Weltraum die Möglichkeit besteht, die Ozeane zu besiedeln“.

Der amerikanische Schriftsteller Joe Quirk, der sich für die Idee von Ozeanstädten einsetzt, trat 2011 dem Seasteading-Institut bei und ist nun dessen Präsident. Aus seiner Sicht ging es bei der Idee von unabhängigen Städten – oder in seinen Worten: „Start-Up-Länder“ – darum, vielfältige Gesellschaften für verschiedene Arten von Menschen zu schaffen und der staatlichen Kontrolle zu entgehen. In mancherlei Hinsicht kann die ganze Idee zwar lächerlich und beinahe als Science-Fiction erscheinen, aber angesichts des Grauens des Klimawandels ist es vielleicht unsere beste Lösung, auf das Meer zu gehen.

Viele führende Denker scheinen sich darin einig zu sein, dass die Ozeane unsere beste Wahl darstellen könnten; wie Quirk selbst sagt: „Wir werden auf den Ozeanen leben, lange bevor wir auf dem Planeten Mars leben“. Andere sehen jedoch unterschiedliche Probleme bei dem Projekt. Obwohl er 1,7 Millionen Dollar seines eigenen Gelds investierte, hat Thiel selbst sich aus dem Projekt zurückgezogen und glaubt hinsichtlich der ingenieurwissenschaftlichen Aspekte, dass es noch weit von der Umsetzung entfernt ist.

Ein Pilotprojekt ist in vollem Gange

Ursprünglich schwebte dem Seasteading-Institut vor, seine erste schwimmende Metropole um das Jahr 2050 fertigzustellen. Dank einer florierenden Beziehung zu Französisch-Polynesien sollte das alles aber viel früher geschehen. Ein Pilotprojekt, das bis zu 300 Personen unterbringen könnte, soll bis 2020 fertig sein. Im Rahmen des „schwimmenden Insel-Projekts“ sollen Strukturen in den Gewässern einer Lagune in der Nähe von Tahiti errichtet werden.

Da steigende Meeresspiegel eine gravierende Bedrohung für diese französische Republik in ihrer Gesamtheit darstellen, sind sie gerne bereit, die Idee von „Seasteading“ auszuprobieren. Ein neues Unternehmen namens Blue Frontiers wurde gegründet, um die Inseln zu bauen und zu betreiben. Sie können mehr über das gesamte Unternehmen auf der Website des Seasteading-Instituts erfahren.

Die utopische Vorstellung der schwimmenden Stadt

Die Freiheit zur Selbstverwaltung innerhalb einer geschlossenen Gemeinschaft liegt Quirk, Friedman und den anderen Beteiligten des Seasteading-Instituts sehr am Herzen. Sollte alles nach Plan verlaufen, werden diese Inseln in der Lage sein, ihre eigenen Nahrungsmittel herzustellen, ihre eigene saubere Energie zu erzeugen und den Überschuss an andere Nationen zu verkaufen und verschiedene Arten von Technologien zu entwickeln, und befreien gleichzeitig die Menschheit von den Politikern. Die ersten Anwohner bräuchten zwar einen hohen sozioökonomischen Status, aber wenn sich das Projekt als Erfolg erweist, sollen kostengünstigere Wohnungen eingeführt werden.

Probleme, die zu einer dystopischen Realität beitragen können

Zu den Themen, die zum Untergang künftiger Siedlungen auf dem Meer führen könnten, gehören die Entwicklung von Inselbasen, die der Einwirkung des Meeres für jeweils 100 Jahre standhalten können, sowie die Art und Weise, wie sie verwaltet werden. Wie würden diese autonomen Gemeinschaften insbesondere auf die Kriminalität reagieren, und welche Verpflichtungen würden sie im Hinblick auf die Umwelt haben? Für das „Schwimmende Insel-Projekt“ wurde eine Art Kompromiss gefunden und die französischen und französisch-polynesischen Gesetze werden eingehalten, was aber nicht das Zukunftsideal des Seasteading-Instituts ist. Wie wird das ermittelt?

Auch sehr wichtig ist die Frage über die Währung, die diese unabhängigen Metropolen benutzen werden? Was passiert, wenn die Menschen auf den Inseln Transaktionen in Online-Casinos oder irgendwo anders im Internet tätigen wollen? Eine eventuelle Lösung wären Kryptowährungen; tatsächlich sollen die Mittel für die weiteren von Blue Frontiers geplanten Inseln durch ein erstes Münzangebot aufgebracht werden, das ungeregelt ist und Kryptowährung verwendet. Der Sinn dieser virtuellen Währungen besteht schließlich darin, sie von einer zentralisierten, regulierenden Regierung zu trennen.

Wäre es möglich, auf den Hunderten von Inselstädten, die Quirk sich vorstellt, unterschiedliche Kryptowährungen zu verwenden? Wie sähe die Weltwirtschaft aus, wenn das der Fall wäre, und wie einfach wäre es, Cyberbetrug zu begehen? In gewisser Weise können wir die Antworten auf diese Fragen erst dann kennen, wenn wir die Idee der Siedlungen auf dem Meer verwirklichen. Angesichts des Zustands der Umwelt auf der Erde und des steigenden Meeresspiegels lohnt es sich vielleicht, dieses Risiko einzugehen, solange jeder mit Respekt und Toleranz an diese neue Lebensart herangeht.

Quellen:

http://www.ladbible.com/news/news-paypal-founder-peter-thiel-funding-worlds-first-floating-city-20171114

http://www.independent.co.uk/news/science/floating-city-french-polynesia-2020-coast-islands-south-pacific-ocean-peter-thiel-seasteading-a8053836.html

http://www.businessinsider.com/floating-city-plans-seasteading-institute-peter-thiel-blue-frontiers-2017-12/#if-the-institute-manages-to-gain-government-approval-and-make-its-floating-city-a-reality-quirk-said-that-the-team-would-expand-the-project-to-include-affordable-housing-the-first-homes-would-be-for-luxury-buyers-14

http://www.businessinsider.com/peter-thiel-seastead-dream-floating-city-2017-1

https://www.nytimes.com/2017/11/13/business/dealbook/seasteading-floating-cities.html