Elektro-Autos brauchen künstlichen Sound

Nissan LEAF beim Aufladen
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In Sachen Mobilität gibt es derzeit ein heißes Thema: der elektrische Antrieb. Immer mehr Hersteller produzieren E-Autos, an technischen Feinheiten wie der Leistung der Elektromotoren, der Ladezeit und der Kapazität der Akkus wird permanent gefeilt. Ein Aspekt ist dabei allerdings bislang zu kurz gekommen, obwohl er eine potentielle Gefahr darstellt: die fehlenden Motorengeräusche der elektrisch betriebenen Fahrzeuge. Die sollen ab dem Sommer 2019 künstlich erzeugt werden. Das hat nicht nur den Grund, dass Sounds nun mal eine wichtige Rolle bei vielen Tätigkeiten spielen – man denke nur daran, wenn man Casinospiele spielt – und dass Autofahren nur mit dem Röhren des Motors viel Spaß macht. Vor allem geht es bei der Entscheidung für künstliche Geräusche von E-Autos um die Sicherheit der Passanten.

Fahrzeuge ohne Sounds

Autos, die von Elektromotoren angetrieben werden, unterscheiden sich in einigen Dingen von denen, die Benzin oder Diesel verbrennen. Ein wichtiger Aspekt ist, dass sie die Umwelt schonen, weil sie keine Abgase produzieren, ein weiterer ist, dass sie derzeit noch eine geringere Reichweite haben als „herkömmliche“ Autos. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt auch die Geräuschkulisse, für die E-Autos sorgen – oder besser gesagt: die fehlenden Geräusche, die sie machen. Dass die Fahrzeuge nur schwer zu hören sind, stellt im Straßenverkehr ein Problem dar. Viele Passanten verlassen sich auf ihr Gehör, wenn sie zum Beispiel eine Straße überqueren wollen. Sie horchen, und wenn nichts zu hören ist, dann gehen sie davon aus, dass die Straße frei ist.

Nähert sich dann allerdings gerade ein Elektroauto mit geringer Geschwindigkeit, dann geschieht das nahezu geräuschlos. Die NHTSA, die Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit der USA, hat analysiert, dass die Gefahr eines Unfalls zwischen Fußgänger und E-Auto um etwa ein Fünftel höher ist als zwischen Passant und Benzin- oder Dieselfahrzeug. Aufgrund dieses Wertes hat die EU den Automobilherstellern eine Auflage erteilt: Ab Juli 2019 müssen alle elektrisch betriebenen Fahrzeuge, die neu entwickelt werden, mit einem Acoustic Vehicle Alert System ausgestattet sein. Das bedeutet, dass sie beim Fahren ein Geräusch machen müssen, um bemerkbar zu sein. Zwei Jahre später, also ab Juli 2021, gilt die Vorschrift für sämtliche E-Autos, die in der EU neu zugelassen werden.

Tesla Model S
Quelle: Wikimedia

Soundentwickler am Werk

Wer aber denkt, dass die Geräusche von Motoren, die mit Benzin oder Diesel angetrieben werden, von allein aus der Maschine kommen, der irrt: Oftmals sind Sound-Designer über Jahre damit beschäftigt, die richtige Geräuschkulisse für ein Auto zu schaffen. Schließlich ist der Sound des Motors eines der bestimmenden Kaufargumente – vor allem bei Sportwagen. Deshalb legen die jeweiligen Hersteller viel Wert darauf, ihren Motor unverwechselbar klingen zu lassen.

Wer sich in der Welt der Motorisierung auskennt, der hört, ob ein Mercedes, ein BMW oder ein Audi vorbeifährt. Gleiches ist nun auch für die Elektro-Autos geplant. Die EU-Vorgabe definiert, dass die Geräusche von elektrisch betriebenen Fahrzeugen denen von welchen mit Verbrennungsmotoren ähneln müssen. Außerdem muss klar erkennbar sein, ob das Auto beschleunigt oder bremst. Darüber hinaus gab es noch keine konkreten Vorgaben, weshalb die Sound-Designer der Autobauer ihrer Fantasie freien Lauf lassen und die akustische Handschrift der Fahrzeuge schaffen können.

Kritik am künstlichen Motorengeräusch

Das CAR Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen hat in einer Studie herausgefunden, dass es auch Autos mit Benzinmotoren gibt, die eine ähnlich geringe Geräuschkulisse verursachen wie elektrisch angetriebene Fahrzeuge. Der Opel Agila ist bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h beispielsweise 59 Dezibel laut, der Smart Electric Drive ist mit 58 nur ein Dezibel leiser. Deshalb sehen es viele Kritiker als inkonsequent an, dass Elektro-Autos mit Generatoren künstliche Geräusche erzeugen müssen, während dies bei benzinbetriebenen Autos trotz ähnlich geringer Geräuschkulisse nicht geschieht.

Dabei zählt gerade der fehlende Lärm zu den großen Vorzügen von E-Fahrzeugen. Sollten elektrisch betriebene Autos irgendwann der Standard auf den Straßen sein, dann ist es sehr gut vorstellbar, dass es in Innenstädten und auf Autobahnen so gut wie keinen Lärm mehr gibt. Daher wird es als paradox angesehen, dass dieser Vorteil der Elektro-Autos durch eine künstliche Geräuschkulisse zerstört werden soll.