Die verlorene Generation: Hartz-IV-Kinder in Deutschland

Hartz-IV-Kinder in Deutschland
Quelle: Kindersache

Der Begriff Hartz IV wird in der Gesellschaft mit arbeitslosen Erwachsenen verbunden. Also Menschen, die ihre Arbeit verlieren, keine mehr finden, und schließlich von Arbeitslosengeld II leben müssen. Die Bezieher dieser Leistungen polarisieren hier und da. Manche sehen in ihnen Personen, die „zu faul zum Arbeiten sind“. Andere bringen den Hartz-IV-Empfängern Mitgefühl entgegen. In beiden Fällen ist die Aufmerksamkeit stets auf erwachsene Menschen gerichtet. Dabei wird übersehen, dass auch diese Erwachsenen oft Kinder haben. Was ihren Eltern zustößt, trifft auch sie. Es wird Zeit, ihnen mehr als einen Blick zu widmen. Über ihre Situation zu sprechen, und wohin sie führen kann. Sind sie die ersten Vertreter einer neuen Generation, die es weit bringen werden, weil sie von klein auf gelernt haben, sich „durchzubeißen“? So, wie es einst ein US-amerikanischer Jazz-Sänger über das harte Aufwachsen in New York sagte: „Wenn Du es in dieser Stadt schaffst, wirst Du alles schaffen“? Oder wächst hier eine verlorene Generation heran, die niemals eine Chance hatte, und am Ende kriminell oder auch spielsüchtig sein wird? Die in dunklen Kneipen am Spielautomaten ihr Leben ruinieren, anstatt sich in den eigenen vier Wänden genüsslich im Online-Casino eine gepflegte Runde Poker oder Black Jack zu gönnen?

Ein (Kinder-)Leben in Armut

Ein kleines Mädchen sitzt am Straßenrand. Es trägt heruntergekommene Kleidung und Schuhe, die längst abgelaufen sind. Es ist eines von zwei Paar Schuhen, die ihm zur Verfügung stehen. Der Reißverschluss an seiner Jacke ist kaputt. Es ist kalt und das Kind friert. In seiner Hand hält es eine Packung Instant-Nudeln, die es ungekocht kaut. Begriffe wie Markenkleidung, Urlaubsreisen oder ein Besuch in einem der vielen Vergnügungsparks für Kinder sind ihm ebenso fremd wie die teuren Smartphones, die seine Altersgenossen verwenden. Dennoch ist das Kind froh, hier draußen zu sein. In der Wohnung erwartet es nur Frust. Ein Elternpaar, dessen Leben sich vorrangig um Existenzkampf und unbezahlte Rechnungen dreht. Vielleicht hätte das Kind gerne einen Hund, aber der kostet zu viel Geld. Immerhin darf es die Nachbarskatze streicheln. Die verspottet es auch nicht, weil es nicht die angesagten Klamotten trägt oder mit einem trendigen Rucksack zur Schule geht. Längst alltägliche Realität in einem Land, das von sich behauptet, zu den reichsten Ländern der Erde zu gehören.

Im Dezember 2017 waren es 2,03 Millionen Kinder, deren Eltern zu den „Hartz-IV-Menschen“ zählten. Das ist mehr als die 1,99 Millionen im Vorjahr, und deutlich mehr als die 1,87 Millionen Kinder in 2012. Konkret: 160.000 zusätzliche Kinder, deren Gegenwart alles andere als rosig ist. Mittlerweile machen sie rund 15 Prozente der Bevölkerung aus. Wer wissen möchte, was Hartz IV bedeutet, kann es von ihnen erfahren.

Wie sieht die Zukunft dieser Kinder aus?

In den USA gibt es die Legende vom Tellerwäscher, der es zum Millionär schafft. Sie ist Teil des sogenannten amerikanischen Traums: Menschen, die aus ärmsten Verhältnissen kommen und es bis zur Spitze bringen. Ein schöner Traum, der aber kein Teil unserer Kultur ist. Außerdem bekommt dieser Traum auch in seinem Ursprungsland zunehmend Dellen. Wir leben in einer Welt, in der Schulabschlüsse als Zukunftsfaktor (nicht nur in Deutschland) immer wichtiger werden. Der Tellerwäscher von heute wird mit einer Gesellschaft konfrontiert, in der Bildungszeugnisse die Türen öffnen, um dann mit einer großartigen Idee voranzuschreiten. Manche sprechen gar von einem Club, dessen Türsteher nach Schulzeugnissen verlangt, und Bildung kostet auch in Deutschland Geld. Abgesehen davon: Die Tellerwäscher, die es im Leben weit gebracht haben, waren Ausnahmen. Auf jeden Self-Made-Millionär kommen Legionen von Menschen, die „Tellerwäscher“ geblieben sind. Ein Schicksal, das hier und heute auch den Großteil der Hartz-IV-Kinder erwartet. Ihre berufliche Zukunft ist verbaut, oder zumindest massiv erschwert.

Dabei spielen nicht nur materielle Dinge eine Rolle. Der psychologische Effekt des Aufwachens als Außenseiter, der Teil einer Außenseiter-Familie ist, kann enorm sein. Es sind die frühen Jahre, die einen Menschen formen. Diese Jahre sind von Entbehrung und gesellschaftlicher Ächtung geprägt. Wenn schon die Erwachsenen Hartz-IV-Empfänger missachten, wird der Schulhof zum Minenfeld. Die Folgen: ein äußerst geringes Selbstwertgefühl und/oder Wut auf eine Gesellschaft, die Menschen nach materiellen Werten kategorisiert. Auch Themen wie Mangelernährung haben die Kinder im Land der Dichter und Denker längst erreicht.

Vom Land, dass seine Zukunft verspielt

„Kinder sind unsere Zukunft“ – ein vielgehörter und wahrer Satz. Die Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen. Sie werden einst die Arbeiten verrichten, die wir heute tun. Sie werden Berufe ausüben, das Land regieren und die Gesellschaft formen. Wie muss diese Zukunft aussehen, wenn immer mehr Kinder in Armut aufwachsen? In Deutschland ist oft von Fachkräftemangel die Rede. Wir stehen vor einer Situation, in der dieser massiv zunehmen könnte. Einer Situation, in der ein großer Teil der „Erwachsenen von morgen“ desillusioniert aufwächst, depressiv ist und nur eines kennt: Den Kampf ums eigene Überleben. Es erinnert an die Zeiten vergangener Imperien, die schließlich von innen heraus zerfielen und dann überrannt wurden. In unserem Fall wird dies nicht durch „wilde Horden“ geschehen, sondern durch Länder, die mit motivierteren und besser ausgestatteten Menschen das Rennen machen. Der hohe Stand und Lebensstandard, den wir uns in der Vergangenheit erarbeitet haben, ist nicht in Stein gemeißelt. Er muss erhalten und immer wieder neu manifestiert werden. Andernfalls droht uns der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Unsere Zukunft ist in dem Fall auch die Zukunft unserer Kinder. Beides ist aneinandergeknüpft und letztlich das Gleiche. Deshalb ist es auch so wichtig, in der Gegenwart darüber nachzudenken, wie die Zukunft von immer mehr in Armut aufwachsenden Kindern aussehen wird.

Die verlorene Generation
Quelle: DW

Es geht nicht nur um die Wirtschaft

Ein Blick auf Länder, in denen solche Zukunftsszenarien längst Realität sind, zeigt ein erschreckendes Bild. Dort sind diese Kinder bereits erwachsen geworden. Sie haben ihre Zukunft in der Kriminalität gefunden – jedoch nicht, weil sie schlechte Menschen waren. Es geschah, weil dies der Ausweg war, den die Gesellschaft ihnen offengelassen hat. Wenn Türen sich verschließen, führt der Weg dort statt, wo noch Türen offen sind. Der Blick auf diese Länder zeigt auch eine erschreckend große Zahl von Drogenabhängigen und der damit verbundenen Kriminalität. Die einen werden abhängig, die anderen bauen ihre Zukunft darauf, diese Abhängigkeit zu bedienen, bevor ihr Pfad in Bandenkriegen und ähnlichen unschönen Dingen endet. Bereits heute existieren in deutschen Großstädten „No-Go-Areas“. Es sind Stadtteile, in denen sich nicht einmal die Polizei mehr hineintraut. Die Zukunft hat bereits begonnen. Noch können wir sie umgestalten, aber dazu müssen wir aufwachen und handeln!

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Es ist nicht so, dass der Staat sich nicht bemühen würde. Leider scheitern gute Ideen oft an der Umsetzung. So ist die Idee, Hartz-IV-Kindern Mitgliedschaft in Sportvereinen oder Musikunterricht zu subventionieren, sehr gut und lobenswert. In der Praxis profitiert nur jedes siebte Kind davon. Zu den Gründen zählen bürokratische Hemmnisse und oft unpassende Angebote. Dies zeigt sich gerade am 2011 verabschiedeten Bildungs- und Teilhabepaket, dessen Maßnahmen nur bei 15 Prozent der berechtigten Kinder ankommen. Es sieht einen Zuschuss von monatlich zehn Euro für Musikunterricht oder die Mitgliedschaft in einem Sportverein vor. Wer schon einmal einen Musiklehrer suchte, kennt die Realität: Für zehn Euro im Monat gibt es nicht mal frische Saiten auf die Gitarre, geschweige denn Musikstunden. Hinzu kommt, dass die Antragsstellung derart komplex ist, dass sie eher abschreckt, als nutzt. In den wenigen Fällen, in denen Familien diese Hürde nehmen, folgt ein Musterbeispiel deutscher Bürokratie, das am Ende zu nichts führt. Immerhin haben wir uns bemüht …

Dass die Situation so nicht haltbar ist, hat auch die Große Koalition in Berlin erkannt: Im März 2018 beschloss sie, das Paket zu verbessern. So sollten alle Hemmnisse und Hindernisse bei der Inanspruchnahme beseitigt werden. Die Wirkung sollte geprüft und erhöht werden. Überhaupt sollte alles entfernt werden, was die Antragstellung erschwert – ein schönes und lobenswertes Vorhaben. Leider ist es bislang bei diesem Wunsch geblieben. Passiert ist bis heute nichts.

Wie sieht es in den Nachbarländern aus?

Das Phänomen Kinderarmut zieht sich durch die gesamte EU. Dabei nimmt Rumänien die Spitzenposition ein. Hier leben 51 Prozent der Kinder in Armut. Bulgarien und Ungarn liegen mit 45,2 und 41,4 Prozent nur knapp dahinter. In Dänemark sind es 14,5 Prozent, während es in Finnland und Schweden 15,6 und 16,7 Prozent sind. Deutschland und Österreich liegen im „unteren Mittelfeld“. Das mag beruhigen, solange es nur Zahlen sind, schreckt aber dennoch auf, wenn klar wird, dass diese Prozentwerte für Millionen von Kindern stehen – auch in Deutschland. Sie benötigen unsere Hilfe.